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65 Jahre „Hamelner Kantorei an der Marktkirche“


DIE KANTOREI 1947-1952

Die Hamelner Kantorei wurde im Jahre 1947 von dem Hamelner Kirchenmusiker Eberhard Grußendorf gegründet. Unter dem Namen Die Kantorei begann die Arbeit des Chores im kalten Pfarrhaus – jeder musste einen warmen Stein mitbringen... Bereits im Gründungsjahr wagte man sich an Schütz‘ „Die sieben Worte Jesu am Kreuz“ und Bachs „Weihnachtsoratorium“ Teil I-III. Die kommenden Jahre waren von den Komponisten Schütz, Bach, Distler und Mozart („Requiem“) geprägt.

 

KANTOREI HAMELN 1952-1978

1952 folgte Siegfried Steche aus Heidelberg. Seine 27-jährige Tätigkeit prägte Hamelns Musikleben nachhaltig. Die Kantorei Hameln (wie sie nun hieß), gestaltete 1954 das 54. Jahresfest des Niedersächsischen Kirchenchorverbandes. Die Programm-Palette (viele Konzerte fanden wegen der zerstörten Marktkirche im Münster statt) erweiterte sich stetig. Es erschienen Namen wie Vivaldi, Händel, Haydn, Beethoven, die Zeitgenossen Bialas und Weyrauch. 1966 sang die Kantorei Hameln erstmals in ihrer Geschichte das Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms, 1970 Bruckners e-moll-Messe – sein vokales Hauptwerk. Die Kantorei Hameln konzertierte in Detmold, Rinteln, Bad Nenndorf, Hannover, Bockenem, Northeim und Stade. Eine Konzertreise führte den Chor 1976 mit Haydns „Schöpfung“ nach Ringstedt in Dänemark. Kantor Steche, der auch als Organist einen weithin hervorragenden Ruf hatte (nicht zuletzt auch wegen seiner großartigen Reger-Interpretationen) verabschiedete sich mit Bachs h-moll-Messe – wiederum eine Erstaufführung für den Chor.

 

HAMELNER KANTOREI AN DER MARKTKIRCHE

1979 trat Hans Christoph Becker-Foss die Nachfolge an. Er wurde 1949 in Höxter/Weser geboren, lebte, studierte und arbeitete dann in Bremen. Noch einmal bekam der Chor einen neuen Namen: Hamelner Kantorei an der Marktkirche. Der Name war Programm, denn auch wenn die Kantorei ein übergemeindlicher, überregionaler Oratorien-Chor ist, suchte man die feste Anbindung an die Marktkirche auch im Namen zu dokumentieren. Werke Bachs standen auch hier am Anfang: Ein Kantaten-Abend und die Gesamtaufführung des „Weihnachtsoratoriums“ fanden im ersten Jahr unter neuer Leitung statt, ein Jahr später wurde Mendelssohns „Elias“ erstmals vom Chor musiziert. Dieses Werk ist der Kantorei und ihrem Leiter in besonderer Weise ans Herz gewachsen. Nun folgten eine Reihe von Erstaufführungen für den Chor: 1982 Verdis „Messa da Requiem“, 1984 Bachs „Matthäus-Passion“ und Monteverdis „Marienvesper“, 1986 Duruflés „Requiem“ (auch in der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede und ein Jahr später als ungarische Erstaufführung in verschiedenen Städten), 1989 Dvoraks „Stabat mater“. Auch mit diesem Werk reiste man nach Ungarn zu einem befreundeten Orchester in Nyíregyháza an der ukrainischen Grenze. Der Chor erlebte dort hautnah die spannenden Tage der Grenzöffnungen, verbunden mit Busfahrten auf Waldwegen (um Straßensperren des Militärs zu entgehen) und „Geheimkonzerten“ wie in Debrečen, die natürlich dennoch überfüllt waren. 1995 wagte man sich zusammen mit der Kantorei St. Servatius Duderstadt an Strawinskys „Psalmen-Symphonie“ und das gerade entstandene „Requiem“ des Musical-Königs Andrew Lloyd Webber (auch in der Stadthalle Duderstadt), 1998 und 2000 an die beiden großen Chorsymphonien Mahlers (die 8. „Symphonie der Tausend“ mit dem Göttinger Sinfonieorchester dort und in Hameln, die 2. Symphonie als Milleniums-Event in der Rattenfängerhalle mit 500 Chorsängern aus dem Weserbergland von Höxter bis Bückeburg und der Jenaer Philharmonie in Koproduktion mit der Staatskapelle Weimar). Weitere Novitäten waren Rossinis trotz ihres Namens abendfüllende „Petite Messe solennelle“ 1998, Dvoraks „Requiem“ 1999, Liszts „Christus“ 2001, Schumanns „Das Paradies und die Peri“ 2003, Szymanowskis „Stabat mater“ 2004, Faurés „Requiem“ 2005, die beiden großen Händel-Oratorien „Solomon“ und Saul“ 2007/2010 und 2008 César Francks Hauptwerk „Les Béatitudes“.

Originalklang-Orchester musizieren seit 1984 die Musik des Barock bis zur frühen Romantik, um den Klangvorstellungen der Komponisten möglichst nahe zu kommen. Unvergessen und prägend für das Hamelner Musikleben ist die fast 30-jährige Zusammenarbeit mit Almut Backhaus (Hameln, Hildesheim und Bremen) und ihrem Barockorchester. Nachfolger wurde 2008 das „Ensemble Schirokko Hamburg“ für die Musik von der Spätrenaissance bis zur Romantik. Es steht in der ersten Reihe deutscher Barockorchester. Große symphonische Musik der Spätromantik und des 20. Jahrhunderts spielt seit 1996 die „Jenaer Philharmonie“, das größte Konzert-Orchester Thüringens und nach Meinung von Insidern eines der besten Reise-Orchesters Deutschlands.

Kritisches Hinterfragen der Partituren gehört dazu, um die Absichten der Komponisten ergründen zu können. So wurden die beiden seit ihrer Uraufführung unglücklich gekürzten Orchester-Vorspiele zum Herbst und Winter in Haydns „Jahreszeiten“ in voller Länge gespielt, in Händels „Saul“ einige Sätze wieder in ihre vom Komponisten ursprünglich geplante Form gebracht, bei Fauré Ordnung geschaffen im Wirrwarr der zahlreichen Fassungen (die „Hamelner Fassung“ wurde 2011 in einem philharmonischen Konzert des Staatsorchesters Darmstadt verwendet, die Hamelner „Saul“-Fassung von verschiedenen Kantoreien in Sachsen und Niedersachsen)  nachgespielt.
Die Konzert-Einführungen des Marktkirchenkantors (mitunter zusammen mit dem Marktkirchen-Pastor) erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Programmhefte enthalten neben dem (oft mit Hörhilfen versehenen) Textabdruck grundlegende Einführungen. So stellen diese umfangreichen Hefte ebenso einen Rechenschaftsbericht über Details und Zielsetzung der Aufführung dar, wie sie auch die spirituellen Hintergründe der Musik verdeutlichen wollen. Diese Hefte werden mit den Eintritts-Karten im Vorverkauf gratis ausgegeben – ermöglicht durch das Sponsoring vieler Hamelner Firmen. Der frühe Erscheinungstermin ermöglicht eine weite Verbreitung und die häusliche Vorbereitung zum Konzert.
Die Kantorei-Arbeit spricht alle Alters- und Sozialstufen an, wie es einer kirchlichen Arbeit wohl ansteht. Das bedeutet auch für Alle angemessene Preise: Sonder-Regelungen gibt es für Kinder, Schüler, Studenten, Hartz-IV-Empfänger etc.; dazu gehören auch günstige Familienkarten und Last-Minute-Angebote. Außer den Oratorien-Konzerten finden alle ca. 60 Markt-Kirchen-Musik-Konzerte im Jahr bei freiem Eintritt statt auf der Basis des selbstbestimmten Eintrittsgeldes.

Hochwertige professionelle CD-Mitschnitte aus den letzten 17 Jahren sind von rund 40 Konzerten erhältlich.

Oratorienchor der Hamelner Kantorei: Über 160 Erwachsene, Kinder und Jugendliche setzen sich mit den großen Oratorien des 17. bis 20. Jahrhunderts auseinander. Da es keine Aufnahme-Hürden gibt, entsteht eine sich gegenseitig befruchtende Gemeinschaft von Laiensängern und professionellen Musikern, von Alt und Jung und vieler Sozialschichten. Die ständige Zusammenarbeit mit dem „göttinger vokalensemble“ eröffnet die Möglichkeiten zu Austauschkonzerten in Südniedersachsen und das Erarbeiten von Werken, die eine besonders große Chorgemeinschaft erfordern. Gäste wirken regelmäßig mit; sie kommen u.a. aus Bremen, Darmstadt, Dresden und Essen. Begleitet wird die Kantorei-Arbeit durch die Hannoversche Sängerin Irmgard Weber, die seit dem Jahr 2000 eine umfassende Einzel- und Gruppen- Stimmbildung anbietet; ihre Präsenz in den Proben führt zu einem besonderen Klangkonzept für das jeweilige Werk. Wöchentliche Einzel-Stimmproben werden von Adelheid Becker-Foss angeboten, in deren Händen auch die Korrepetition liegt. Bei den großen Oratorien-Konzerten wirken in der Regel alle Gruppierungen der Kantorei mit, die ansonsten auch eigene Aufgaben haben:

Der „Hamelner Kammerchor St. Nicolai“ mit 40 bis 50 Mitgliedern kümmert sich als Projektchor um a-cappella-Musik und Werke mit kleiner Instrumental-Begleitung. So erarbeitete man Programme mit den großen Brahms- und Bach-Motetten, Mendelssohns großes achtstimmiges „Te Deum“, Bruckners e-moll-Messe, Bach-Kantaten, die Strawinsky-Messe, Monteverdis Vesper-Vertonungen u.a.m.. Konzertreisen führten durch Niedersachen, in die Niederlande und 2009 nach Italien.

Der Bach-Chor gestaltet die Kantaten-Gottesdienste, zweimal jährlich am Ostermontag und am 2. Weihnachtsfeiertag, immer mit Musik von Johann Sebastian Bach. Solisten der Oratorien-Konzerte und das „Ensemble Schirokko Hamburg“ wirken mit. Anstelle einer Predigt stehen kurze geschliffene Texte eines Teams, dem derzeit der Pastor loci Thomas Risel, Pastor Jürgen Harms (Hameln), Pastorin Silvia Mustert (Persönliche Referentin des Landesbischofs) und Pastor Christof Vetter (Geschäftsführer des lutherischen Verlagshauses Hannover) sowie der Marktkirchenkantor angehören. Diese besonderen und intensiven Gottesdienste werden von 400 bis 600 Gottesdienstbesuchern erlebt; viele von ihnen nehmen weite Wege auf sich. Für die Kantorei sind diese Gottesdienste Höhepunkte der Jahres-Arbeit. Hörer und Aktive erleben immer wieder, wie Kantaten und Teile aus Oratorien (h-moll-Messe, Magnificat, Weihnachts-Oratorium) sich in beglückender und ergreifender Weise ganz anders öffnen als die Aufführung im konzertanten Rahmen. Natürlich singt die Kantorei auch immer wieder in den Marktkirchen-Gottesdiensten sowie im Hamelner Krankenhaus.

Seit 1979 gibt es Nachwuchschöre: Kinder-Kantorei, Junge Kantorei und „Die großen Kleinen“ – ein selbstgewählter Name der Kinder im Alter von 9 bis 11 Jahren. Neue Schulstrukturen mit viel Nachmittagsunterricht setzen der Nachwuchsarbeit zu. Derzeit gibt es deshalb nur die Großen Kleinen. Sie singen eigene Programme, gestalten viele Gottesdienste, gehen mitunter und gerne auf Reisen. Eine auch von Ehemaligen unterstützte Aufgabe ist das immer wieder bewegende Weihnachtsliedersingen an jedem 23. Dezember im Hamelner Krankenhaus: Stations-Singen für Patienten, die so krank sind, dass sie über Weihnachten nicht nach Hause gehen können.

Die umfassende ehrenamtliche Organisation ist eine Besonderheit unserer Arbeit: Plakatierung, Kartenvorverkauf, Konzertbegleitung, finanzielle Betreuung, Programm- und Plakat-Layout und Schreiben der Programmheft-Artikel, Büro, Verhandlungen mit Geldgebern, Institutionen, Verwaltungen, Homepage-Pflege, Mitarbeit im Förderverein – all dieses wird von vielen Kantorei-Mitgliedern ehrenamtlich erledigt, die bei sich verborgene Gaben entdecken und dafür sorgen, dass unsere Sponsorengelder in voller Höhe den Konzerten zugutekommen. Stellvertretend für alle sei das Ehepaar Hebisch erwähnt, das die Kantorei vom ersten Tag an vielfältig begleitet hat: Der Geiger und Lehrer Erhard Hebisch als Konzertmeister des Kantorei-Orchesters, Ruth Hebisch als geniale Organisatorin, die auch bei der Gründung des Fördervereins in den 80er-Jahren maßgeblich beteiligt war und noch heute mitarbeitet.